AUS DEN JAHREN DER FRÜHEN TRIUMPHE
Symphonie in Grün + Blau
aus der Gruppe der „Häuser im Park“
Franz Heckendorf (Berlin 1888 – München 1962). Haus im Park mit Paar. In warmer Sonne malerisch hinter Baum- und Strauchkulisse bei verzweigten Wegen zweistöckige Villa mit Mansarde im Satteldach, zu deren Eingang nebst vorgesetztem Wintergarten linksseits eine Treppe hinaufführt. Zulaufend auf den Betrachter ein Paar. Öl auf Leinwand. 1921. Rechts unten bezeichnet:

60 x 70,5 cm. Gerahmt.
Literatur
Kestner-Museum Hannover, Kataloge der Sonderausstellungen XVII, 1918; Joachim Kirchner, Franz Heckendorf, 1919 + 1924; Franz Heckendorf, Katalog der Sonderausstellung der Galerie Hagemeier, Ffm., 1985; Symphonie in Farbe, Ausstellungskatalog der Kunstfreunde Bergstraße, 1991; Thieme-Becker XVI (1923), 211 f.; Vollmer II (1955), 400; Cicerone, Jge. 1912-1928, hier insbesondere XVI (1924), 802 f. (nicht eingesehen); Feuer II, 1 (1920/21), 195-202.
Heckendorfleuchtendes Hauptwerk
in dominierend sattem Grün vor ebensolch blauem Himmel mit dem in Terra di Siena gehaltenen Dach des Hauses, dessen lichtockerfarbene Frontseite mit den mäandernden Wegen korrespondiert, aus der hier für die Jahre 1919-1928 belegbaren Haus-im-Park-Gruppe, benachbart etwa E. L. Kirchner’s zeitlich vorhergehenden Ölen „Haus unter Bäumen / Fehmarn“ von 1912 (figurierte 1917 in Berlin auf der Ausstellung der Freien Sezession), „Gut Staberhof / Fehmarn“ von 1913, „Villen in Königstein/Ts.“, 1915/16, oder „Bergwald mit Hütten“ (Tuschfeder + Pinsel um 1918). Heranziehbar aber auch der Holzschnitt „Wettertannen“ (1919) in seinem schweren Grün-Blau und den ockerfarbenen Wegen mit ihren kirchner- aber auch anderwärts expressionistisch-typisch kleinen Figürchen, wie denn auch das Paar hier bei Heckendorf, dessen hiesige intensive Farbtöne beispielsweise auch seine „Heilige Familie auf der Flucht“ gleichen Jahres bestimmen.
Heckendorf’s eigener Villa-Park-Komplex

hier belegbar
mit seinem durchsonnten Öl „Haus im Park“ (100 x 80) von 1919, deren den von vier Stufen unterbrochenen Weg zum Hause flankierenden Allee schlanker Bäume wir 1928 wiederbegegnen; dem 1922er Pastell „Haus im Park“ (66 x 47); der sommerlichen „Villa im Park“ von 1925 (Aquarell + Tempera, 29,5 x 28,5 cm), wiederum mit dicht belaubten Bäumen als Vordergrund und der Fassade in lichtem Ocker sowie, ohne Haus, sein Aquarell „Bäume“ (41 x 31 cm) aus 1928 mit dem ockerfarbenen Parkweg, den schon besagte Allee schlanker Bäume säumt und dessen Licht-Schatten-Spiel das des anstehenden 1921er Öls zitiert, in seiner Formalität gleichwohl als impressionistischer Nachklang an Manet’sche Darstellungen erinnert, etwa an dessen 1882er „Landschaft in Rueil“ auf der 1997er Münchner Ausstellung „Manet bis van Gogh – Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne“ (Nr. 21 + SS. 84 f. des Katalogs). – Unbeschadet aller Eigenständigkeit erscheint es denkbar, daß Heckendorf jeweils dasselbe Objekt variierte. Ob schließlich hiesiges Öl oder das 1922er Pastell identisch sind mit der im 1924er „Cicerone“ (SS. 802 f.) dokumentierten Haus-Park-Arbeit oder diese den Komplex um eine weitere bereichert, muß derzeit hier offenbleiben. So erscheint vorerst die anstehende hiesige als
die schönste + vollkommenste
dieser so intim – stillen Werkgruppe ,
vorbildlich über Heckendorf hinaus generell für die Landschaft in der Malerei des Expressionismus. Jawlenskys programmatisches „die Natur entsprechend meiner glühenden Seele in Farben zu übersetzen“ steht unausgesprochen auch über anstehendem Heckendorf. Denn
„ Das Reifste , was H. bisher geschaffen hat ,
sind seine Landschaften“.
Denen gegebenenfalls eingesetzte Figurationen, wie auch hier, mittels konturenloser (Nicht)Gesichter als vielfach sehr typisch für ihn bewußtsichtbar nachgeordnet werden. Denn
„ ‚alles optisch Wahrnehmbare zu vergeistigen und in die Sphäre des visionär Geschauten zu übersetzen‘; das bedeutete die
Erfüllung des Programms des modernen Expressionismus ,
zu dessen überzeugendsten Verkündern H. zählt … “
(Vollmer 1923 in Thieme-Becker).
Peter Bürger wird Generationen später
bezüglich Kirchner’scher Straßengestalten
von „ maskenhaft vereinfachten Gesichtszügen “

als Ausdruck „ allgemeiner Beziehungslosigkeit “
sprechen („Flaneure überdehnen die Stadt … Kirchner und der Manierismus“, FAZ 23. Juli 2001). Aber auch schon Hogarth bediente sich beispielsweise in „Times I“ (1762) in persona Lord Temple’s dieses Stilmittels letztlich biblischen Herkommens, nämlich sich kein Bildnis zu machen, wie denn auch die Kinder strenggläubiger Mennoniten mit gesichtslosen Puppen spielen.
„ Schüler der Unterrichtsklasse des Berliner Kunstgewerbemuseums und der Akad., im wesentlichen aber Autodidakt (gleich den Altersgenossen Heckel + E. L. Kirchner und wie diese ausgehend vom Impressionismus). Einer der begabtesten Vertreter der jungen deutschen Künstlergeneration, dessen persönliche Note in seinen
von ungeheurer Dynamik des malerischen Vortrages
erfüllten und starker Innerlichkeit der Empfindung getragenen Landschaften bisher ihren reifsten Ausdruck gefunden hat. Als 20jähriger bereits stellte er (1909) in der Berl. Sezession 2 Straßenbilder aus, die noch unter dem Eindruck der impressionist. Malweise standen …
Ausgesprochen begabt für das dekorative Fach “
(Vollmer ebda. fortfahrend).

Und in gleichfalls gegenwärtiger Zeit spricht Horst Ludwig im Katalog Hagemeier an Hand einer 1958er „Südliche(n) Landschaft mit Segelbooten“ von der „Tendenz der überhöhten Natur“ :
„ Hier wird auch (unverändert) der Anspruch erkennbar, der schon 1906 im Programm der ‚Brücke Künstler‘ ausgesprochen wurde, unverfälscht und unvermittelt das wiederzugeben, was den Künstler zu schaffen drängt, nämlich die eigene Vision, die sich zuvor mit der Landschaft selbst verbindet, ohne ihr freilich imitativ zu folgen.
Mit (abermals unverändert) temperamentvollen Pinselstrichen, die als solche erkennbar bleiben und gestalterisch eingesetzt sind, mit pastosem Farbauftrag, so daß sich eine bewegte Oberflächenstruktur einstellt, ist das südlische Gemälde visualisiert … Die Farben selbst sind auch hart gegeneinandergesetzt, fast reintonig sind sie mit einem relativ dicken Pinsel aufgetragen und bleiben mit der Pinselspur verbunden, so daß sich die Komposition deutlich aus diesen Strichlagen zusammensetzt. “
Und, Joachim Kirchner über die Linie zitierend,
„ ‚Die Linie als Nerv der Komposition, als ureigenste Niederschrift eines von einer starken Innerlichkeit getragenen Willens darf wohl als das Eigenartigste des Heckendorfschen Expressionismus gelten. So gewaltsam und hart oft die Sprache seiner Linienführung zu sein scheint, so ist sie doch stets voller Seele, ihr heftiger Impuls läßt die innere Anspannung, die verhaltene Erregung erkennen, mit der der Künstler an der geistigen Durchdringung des Objektes arbeitet. Als Träger des gesamten Bildrhytmus fällt ihr schließlich eine wichtige Funktion in der Struktur des Bildganzen zu.‘
Überblickt man Heckendorfs Schaffen aus mehreren Jahrzehnten, so fällt die Heftigkeit auf, mit welcher er von der Kunst der Jahrhundertwende ausgehend, seine eigene Bildsprache schuf und … beibehielt … Für Heckendorf blieb der Gegenstand stets vorrangig, allerdings formal überhöht und koloristisch verfremdet. “
Und, nochmals Vollmer in Thieme-Becker :
„ In allen Techniken gerecht
und ein ungemein leicht produzierendes Talent . “
Hier denn
AUS DEN JAHREN JENER FRÜHEN TRIUMPHE
eine
Symphonie in Grün + Blau

als der derzeit schönsten
der Gruppe der „Häuser im Park“.
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